Horst Lichter sieht sich als Menschenliebhaber

Dienstag, Juli 11, 2017
Moderator über den Erfolg von »Bares für Rares« und warum er schon als Kind alte Dinge liebte
Horst Lichter sieht sich als Menschenliebhaber
Fotograf: 
dpa

Herr Lichter, Sie präsentieren seit 2013 die Show »Bares für Rares«, in der Menschen Trödel und Antiquitäten verkaufen. Was war das Kostbarste, das bislang den Besitzer gewechselt hat?
Horst Lichter: Am meisten wurde für ein Auto bezahlt, ein Borgward Cabriolet aus den 60ern – der wurde für fast 30 000 Euro verkauft. 
Trödelshows sind im Trend – ist diese Besinnung auf Altes eine Gegenreaktion auf die immer schneller rotierende Konsum- und Wegwerfgesellschaft?
Lichter: Ja, da bin ich mir ganz sicher. Die Leute fangen an, auf Werte zu achten – und damit meine ich nicht nur Gegenstände. Sie haben es satt, dass im Fernsehen Menschen vorgeführt werden. Ich selber bin ein Menschenliebhaber, das ist meine größte Leidenschaft, und ich kann diese Formate nicht ertragen, in denen Menschen vorgeführt werden. Mit den schönen alten Dingen hat man etwas Werthaltiges – und wenn es auch manchmal nur die Geschichte ist, die dahinter steht, die wertig ist. 
Wann haben Sie selber angefangen, alte Dinge zu sammeln?
Lichter: Ich war schon als Kind so. Ich habe neue Spielsachen gegen alte getauscht, mein neues Fahrrad gegen ein uraltes. Ich fand immer alte Häuser schöner als ein neu gebautes, ein gemütlich eingerichtetes schöner als ein modernes, karg möbliertes. Ich liebe die Geschichten hinter den Dingen, ich kann das gar nicht erklären. Ich kann mich über ein junges Bäumchen freuen, das gerade sprießt, aber ich stehe voller Ehrfurcht vor einem alten Baum. 
Sie sollen ja im Lauf Ihres Lebens über 100 Autos besessen haben …
Lichter: Wie viele es genau waren, weiß ich gar nicht. Bei mir ist es so: Ich war ein Arbeiterkind. Das erste Moped, das hast du repariert, ein bisschen hübscher gemacht, dann hast du es verkauft und das nächstgrößere gekauft. Und irgendwann war es bei mir ein Kommen und Gehen von Fahrzeugen. Aber ich bin stolz darauf, dass ich nie annonciert habe, sondern immer nur an gute Freunde und Bekannte abgegeben habe, und auch nur für den Preis, den ich bezahlt hatte.
Hat Ihre Herkunft aus einfachen Verhältnissen zu Ihrer Sammelleidenschaft geführt?
Lichter: Wir waren sehr arm, und somit lernt man eines, was fürs Leben sehr wichtig ist: Wenn du etwas hast, pflege es und halte es in Ehren, denn dafür hat man hart gearbeitet, und dann ist man darauf stolz. Vielleicht sind meine Frau und ich sogar zu pingelig, mag sein, aber wir pflegen all die Dinge, die wir uns erlauben, außerordentlich, sodass sie auch noch nach Jahrzehnten aussehen wie am ersten Tag. 
Was ist Ihr tollstes Stück? 
Lichter: Das ist schwierig – und das sage ich nicht, weil ich Angst vor Neidern hätte, sondern weil für jeden Menschen andere Dinge wertvoll sind. Ich weiß durch »Bares für Rares«, dass es für alles immer drei Preise gibt: Das, was man bezahlt hat, das was man bekommt, wenn man verkaufen muss, und das was jemand gibt, der es unbedingt will.  
Sie hatten früher eine riesige Sammlung von Dingen. Wie viel davon haben Sie behalten, als Sie vor einer Weile aus Ihrer nordrhein-westfälischen Heimat in den Schwarzwald umgezogen sind?
Lichter: Meine Sammlung ist nur zu kleinen Teilen mitgezogen. Ich hatte eine unfassbar riesige Sammlung in meinem alten Betrieb – ob es 4000 Kaffeekannen waren oder weiß der Teufel was alles für Zeug. Irgendwann wurde es Ballast, und ich habe 80 Prozent davon verschenkt und 20 Prozent gegen Spenden abgegeben. Heute ist das, was ich sammle, ganz anderer Natur. Es sind ein paar Autos, ein paar Motorräder, die ich sehr liebe und pflege, verschiedene Bücher und Zeitschriften. Ansonsten sammle ich heute das, worauf es mir ankommt: Erinnerungen und Menschen.
»Bares für Rares« läuft wegen des großen Erfolgs mittlerweile  nahezu täglich. Wie verhindern Sie, dass Ihnen die Arbeit fürs Fernsehen über den Kopf wächst?
Lichter: Ich mache nur die Dinge, die mir Freude machen, und schöpfe daraus Kraft. Bei jedem Drehtag mache ich unheimlich viel Blödsinn, da wird viel gelacht. Ich habe aber auch ein Ohr für die Sorgen meiner Mitarbeiter, ob es nun Kameraleute, Praktikanten oder Kabelträger sind. Mit jedem rede ich, jedem gebe ich die Hand. Ich bin morgens immer eine Stunde früher da, um alle zu begrüßen, weil ich möchte, dass sie sich wohlfühlen. Außerdem ist das Wichtigste im Leben, Maß zu halten, und ich halte Maß. Ich schlage auch mal über die Stränge beim Essen – aber vielleicht einmal im Monat. Man muss sich die schönen Dinge einteilen.