Experte: Kein Schlagabtausch zwischen Schulz und Merkel

Samstag, Juli 15, 2017
Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider erklärt in der Mittelbadischen Presse, was er vom TV-Duell zwischen Merkel und Schulz erwartet
Experte: Kein Schlagabtausch zwischen Schulz und Merkel
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dpa

Herr Brettschneider, am 3. September findet das TV-Duell zwischen Kanzlerin Merkel (CDU) und Herausforderer Martin Schulz (SPD) statt. Was erwarten Sie von diesem Duell?
Brettschneider: Nicht sehr viel Überraschendes. Angela Merkel kennen wir sehr gut. Wir wissen, wie sie sich in TV-Duellen verhält und auf welche Themen sie setzen wird. Herausforderer Martin Schulz ist auch kein Unbekannter. Erst 2014 hat er sich mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Junker (Konservative) ein TV-Duell zur Europa-Wahl 2014 geliefert. Merkel und Schulz können bei ihrem Duell keine fundamentale Kritik aneinander üben, weil sie beide aus der Großen Koalition kommen. Ich vermute, dass das kein richtiger Schlagabtausch wird, sondern eher eine Orientierung für unentschiedene Wähler.

Orientierung für die Wähler klingt gut. Aber nutzen sie das TV-Duell auch als Entscheidungshilfe? 
Brettschneider: Das ist unterschiedlich. Bei den Wählern, die bereits vor der Debatte im Fernsehen eine klare Parteipräferenz haben, kann sich deren Meinung allenfalls kurzfristig verändern. Dieser Effekt ist aber meist nicht von Dauer. Diese Wähler kehren bis zum Wahltag wieder zu ihrer ursprünglichen Präferenz zurück. Anders ist das bei den unentschlossenen Wählern. Sie bilden sich in der Tat während des Duells eine Meinung. Ob sie die Partei wählen, hängt allerdings von der weiteren Berichterstattung nach dem TV-Duell in den Massenmedien ab. Der Anteil der Unentschlossenen wird übrigens immer größer. Etwa ein Drittel aller Wähler entscheidet sich erst in den letzten zehn Tagen vor der Bundestagswahl für eine Partei. So gesehen kommt das TV-Duell für diese Menschen sogar ein bisschen zu früh. Für sie wäre es besser, das Duell fände zehn Tage vor der Wahl statt. 

Im Vergleich zu anderen Ländern wie den USA, in denen es bereits seit 1960 TV-Duelle gibt, ist das Format im deutschen Wahlkampf relativ neu. Warum gibt es TV-Duelle in Deutschland erst seit 2002?
Brettschneider: In den USA passen TV-Duelle sehr gut zum politischen System. Denn im amerikanischen Präsidialsystem gibt es in der Regel zwei Kandidaten, einen von den Republikanern, einen von den Demokraten. Im politischen System der Bundesrepublik ist das anders. Wir haben viele Parteien. Und der Kanzler wird nicht direkt gewählt. Eigentlich passen die sogenannten Elefantenrunden der 70er- und 80er-Jahre, bei denen die Spitzenkandidaten oder die Parteivorsitzenden aufeinander trafen, besser zum deutschen Parlamentarismus. Aber TV-Duelle sind in vielen anderen Ländern das gängigere Format. Den Sendern bringt das bessere Einschaltquoten. Beim letzten TV-Duell zur Bundestagswahl 2013 waren es über alle vier Sender hinweg insgesamt 17,6 Millionen.

Das heißt, die Duelle gibt es nur wegen den Sendern?
Brettschneider: Nein, von den Duellen profitieren auch die Wähler und die beiden großen Parteien. Vielen Wählern geben sie eine gute Orientierung. Für einige ist es allerdings auch nur Unterhaltung. Sie wollen einfach mal anschauen, wie sich die beiden Politiker so schlagen. 

Und was bringt das Duell für die Parteien und Kandidaten?
Brettschneider: Die Parteien verfolgen mit dem Duell zwei Ziele. Erstens wollen sie die eigenen Anhänger – also die Wähler, die ohnehin zur Partei tendieren – mobilisieren und ihnen für die letzten drei Wochen des Wahlkampfs  einen Schub geben, sodass sie auch Freunde, Bekannte oder Nachbarn von der Partei überzeugen. Das zweite Ziel ist die Überzeugung der Unentschlossenen. Da geht es darum, die eigenen Themen zu platzieren. Demjenigen, dem es am besten gelingt, die eigenen Anhänger zu mobilisieren und die Unentschlossenen zu überzeugen, der hat die letzten Wochen des Wahlkampfs einen Vorteil.
 In der Vergangenheit gab es viele spannende, aber auch sehr langweilige Duelle. Gab es eines, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Brettschneider: In Deutschland waren die beiden TV-Duelle im Jahr 2002 die interessantesten, weil die beiden Kontrahenten Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Herausforderer Edmund Stoiber (CDU) unterschiedlicher politischer Auffassung waren und somit auch viele Themen diskutieren konnten. Zudem waren es zwei sehr unterschiedliche Typen: Auf der einen Seite der mediengewandte Gerhard Schröder und auf der anderen Seite der detailverliebte Edmund Stoiber.

Gab es schon TV-Duelle, die eine Wahl deutlich beeinflusst haben? 
Brettschneider: Ja, aber nur sehr wenige. 2005 beispielsweise gelang es dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder (SPD), im TV-Duell mit Angela Merkel (CDU) einen wichtigen Punkt zu setzen. Er schaffte es, die finanz- und steuerpolitische Kompetenz, die auf Seiten der Union verortet war, für sich zu beanspruchen, in dem er das Steuerkonzept des finanzpolitischen Sprechers im Wahlkampfteam der Union, Paul Kirchhof, auseinandernahm. Damals gab es eine Trendwende im Wahlkampf, weil einerseits die Medien nach der Debatte sehr viel darüber berichteten und andererseits das Thema bis zum Wahltag besetzt werden konnte. Es wurde noch einmal sehr knapp. Am Ende hat die Union dennoch die Kanzlerin in der folgenden Großen Koalition gestellt.
 Was spielt bei TV-Duellen eine größere Rolle, das Auftreten der Kandidaten oder der Inhalt?
Brettschneider: Der Inhalt spielt eine sehr große Rolle, aber er wird unterstützt durch das Auftreten der Kandidaten. 
 Worauf kommt es beim Auftreten an?
Brettschneider: Ein Kandidat muss kompetent, tatkräftig und glaubwürdig wirken. Es ist wichtig, ob er den anderen ständig unterbricht oder ob er verkrampft ist. Es heißt, bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl 1960 war das Auftreten ein großer Vorteil von John F. Kennedy (Demokraten) gegenüber Richard Nixon (Republikaner). Kennedy hatte sich Erzählungen zufolge den ganzen Tag über ausgeruht und wirkte während der TV-Debatte im Gegensatz zu seinem Kontrahenten Richard Nixon frisch und jugendlich. Nixon saß hingehen ziemlich fertig in dem TV-Duell und konnte die Wähler nicht von sich überzeugen. 

Zurück zu den TV-Duellen in Deutschland. Immer wieder beklagen die kleinen Parteien, nicht an Duellen teilnehmen zu dürfen. Wie viele Teilnehmer sollte es in einem Duell geben, damit eine sinnvolle Diskussion möglich ist?
Bretschneider: Ich kann die kleinen Parteien verstehen. Sie sind durch dieses Format benachteiligt. Die Sender versuchen das, durch Diskussionsrunden mit den Kandidaten der kleinen Parteien auszugleichen. Aber diese Sendungen haben weniger Zuschauer. Eine Talk-Runde mit den Vertretern aller im Bundestag und in vielen Landtagen vertretenen Parteien wäre jedoch schwierig. Daran müssten sieben Personen (CDU, CSU, SPD, Grüne, Linke, FDP und AfD) plus die Moderatoren teilnehmen. Aber je mehr Teilnehmer eine Diskussionsrunde hat, desto weniger kommt der Einzelne zu Wort und die Zuschauer erfahren kaum etwas über die Positionen der Kandidaten. Eine gute Lösung für dieses Problem gibt es leider nicht. 
 In Deutschland sitzen bei dem Duell im Fernsehen vier Journalisten zwei Kandidaten gegenüber. Ist das sinnvoll?
Brettschneider: Vier Moderatoren sind zu viel. Für die Zuschauer ist es schwierig, bei dem TV-Duell zwischen so vielen verschiedenen Personen hin- und herzuspringen. Dass es vier Moderatoren gibt, liegt daran, dass vier Sender die Debatte übertragen und jeder Sender auch einen Moderator stellen möchte. Dieses Jahr wird diskutiert, ob das Duell erstmals in zwei Teile unterteilt wird. Im ersten Teil stellen zwei Moderatoren die Fragen und im zweiten Teil die anderen beiden. Ich halte das für eine gute Lösung. 
Die letzten TV-Duelle in Deutschland waren immer relativ langweilig. Was müsste Martin Schulz Ihrer Meinung nach tun, um Angela Merkel bei dem TV-Duell in die Bredouille zu bringen?
Brettschneider: Das wird sehr schwer. Er kann die Politik der Großen Koalition nicht wirklich hart kritisieren, weil seine eigene Partei daran mitgewirkt hat. Schulz hat somit wenige Ansatzpunkte. Er kann vielleicht sagen, dass der Bereich soziale Gerechtigkeit bei der SPD stärker auf der Agenda steht als bei der CDU. Zudem wird er deutlich machen müssen, dass sich in Deutschland etwas ändern muss. Viele Menschen wollen aber gar nicht, dass sich etwas Grundlegendes ändert. Wahrscheinlich wird eher Schulz unter Druck geraten, wenn es darum geht, mit welchen Koalitionspartnern er seine Position nach der Wahl realisieren will – Stichwort Rot-Rot-grün.