Ein neuer Spider-Man ist in der Stadt

Donnerstag, Juli 13, 2017
Tom Holland ist der neue Superheld im rot-blauen Kostüm und seit heute im Kino zu sehen / Ein weiteres Mitglied der Avengers
Ein neuer Spider-Man ist in der Stadt
Fotograf: 
Sony Pictures Releasing GmbH

Tom, für »Spider-Man: Homecoming« haben Sie auch in Guerilla-Manier in Berlin gedreht. Was war das für eine Erfahrung?
Tom Holland: Wir hatten eine tolle Zeit hier. Es war eine aufs Minimum reduzierte Crew: der Regisseur, der Kameramann, ein paar Produzenten und ich. Wir sind durch die Stadt getobt und haben gefilmt, wie ich Spaß habe. Und in Berlin ist es sehr einfach, Spaß zu haben. Wir haben alle Sehenswürdigkeiten abgehakt, und ich bin mit einer nackten Dame zusammengestoßen, was irgendwie verrückt war. 
Wo ist das passiert?
Holland: Genau hier, auf dem Pariser Platz, vor dem Brandenburger Tor. Es wurde gefilmt, wie ich durch die Gegend renne. Dabei habe ich fast diese nackte Frau umgerannt. Sie war wirklich wie Gott sie schuf! Mein bester Freund Harrison hat mich auf der Reise begleitet, aber er war gerade anderswo mit den Produzenten unterwegs. Ich habe ihn angerufen und gesagt: »Harrison, komm’ her! Im Laufschritt! Lass’ alles stehen und liegen!«. Er sagte nur »Oh mein Gott, was ist passiert?«. Und kurz darauf kam er über den Platz gerannt. Ich habe ihm die Dame gezeigt und gesagt: »Ist das nicht verrückt?« Die Produzenten waren in großer Sorge. Sie dachten, es wäre etwas schief gelaufen. Als sie am Abend darüber sprachen, sah es so aus, als hätte ich Harrison mit der Aussicht auf eine nackte Frau gelockt und er wäre deshalb Hals über Kopf losgesprintet. Was ihn ganz schön uncool aussehen ließ.
Waren Sie schon immer »Spider-Man«-Fan?
Holland: Oh, der allergrößte. Ich hatte alles, die Action-Figuren, die Filme, Cartoons – das volle Programm. Ich habe auch das Computerspiel gespielt, als ich für »Billy Elliot« auf der Bühne stand. Wir hatten eine Xbox in unserem sogenannten »Billy Room«. Ich glaube, es war »Spider-Man 3«, mein Lieblingsspiel.   
Haben Sie ein Andenken vom Filmset behalten?
Holland: Nun, das ist schwierig. Es ist alles so wahnsinnig teuer. Wenn ich etwas mitgehen lassen würde, müsste ich mit ernsthaften Konsequenzen rechnen. Ich konnte nicht wirklich viel behalten. Vielleicht stehle ich beim dritten Film etwas. 
Aber das Kostüm wurde für Sie maßgeschneidert. Niemand sonst könnte etwas damit anfangen.
Holland: Ja, das ist wahr. Damit umzugehen, ist nicht so einfach, wie man es sich vielleicht vorstellen mag. Wenn man das Kostüm einmal anhat, sieht es wirklich beeindruckend aus. Aber hineinzuschlüpfen ist alles andere als ein heroischer Prozess. Man kann es nicht allein anziehen, man braucht die Hilfe von zwei Personen.
Wie war es, sich zum ersten Mal im Spider-Man-Outfit zu sehen? 
Holland: Dazu habe ich zwei Geschichten parat. Das erste Mal war eher enttäuschend. Ich bin ans Set von »The First Avenger: Civil War« gekommen, und man hatte nicht genug Zeit gehabt, um mir mein eigenes Kostüm zu fertigen. Ich musste den Anzug meines Stuntdoubles tragen. Und der Typ war viel größer als ich. Als ich es anhatte, war das Kostüm ausgeleiert und im Gesichtsbereich seltsam schlaff. Das hatte ich mir viel heldenhafter vorgestellt. Als ich nun das neue Outfit anprobierte, passte es wie angegossen. Schließlich hatte man auch wochenlang am perfekten Sitz gearbeitet. Diesmal war es eine tolle Erfahrung, sich zum ersten Mal im Spiegel zu betrachten.
Stimmt es, dass Sie Spinnen nicht mögen?
Holland: Ja, leider ist das wahr. Ich hatte schon immer ein wenig Angst vor Spinnen. Jetzt fragen mich andauernd Journalisten danach, und ich merke, wie meine Angst größer und größer wird, je öfter ich darüber rede. Ich muss dringend damit aufhören. Vielleicht ist dies das letzte Interview, in dem ich diese Angst eingestehe.
Was macht den speziellen Reiz von »Spider-Man« aus?
Holland: Es sind so viele Dinge. Was mich zuallererst mit ihm verbunden hat, war die Tatsache, dass er ein junger Mann an der High School war, genau wie ich. Ich konnte mich auf einer persönlichen Ebene mit ihm identifizieren. Es ist schwerer, eine persönliche Verbindung zu einem Charakter wie »Thor« herzustellen, der ein König und ein Gott ist. Oder zu Tony Stark alias Iron Man, einem Milliardär, der sich darüber ärgert, dass sein Lamborghini nicht den richtigen Gelbton hat. Mein Problem als Peter Parker ist, dass ich nicht genug Geld für den Bus habe. 
Haben Sie etwas von sich selbst in den Charakter einbringen können?
Holland: Ja, eine Menge. Jon Watts ist ein Regisseur, der sehr offen für Improvisationen ist. Er schreckt nicht davor zurück, seinen Schauspielern den Freiraum einzuräumen, Dinge zu probieren und auch Fehler zu machen. Ich habe die Erfahrung gesammelt, dass neun von zehn Improvisationen Müll sind. Aber dieser eine Versuch ist dann doch großartig und verleiht einer Szene eine ganz andere Dynamik. Viele Momente im Film sind so spontan entstanden. 
Können Sie ein Beispiel nennen?
Holland: Im Film gibt es eine Szene, in der ich Robert Downey junior umarme. Es stand nicht so im Buch, aber ich wollte ihn einfach umarmen. Er ist schließlich Robert Downey junior. So ist einer der witzigsten Momente des Filmes entstanden. 
Wie tickt der Herr Kollege denn so?       
Holland: Er ist der netteste Typ. Er hat mir heute Nacht getextet, dass er gestern mit ein paar anderen »Avengers« den fertigen Film gesehen hat. Sie waren alle voll des Lobes und stolz auf mich. Es gibt nichts Schöneres, als mit einer solchen Nachricht aufzuwachen.   
Wollten Sie selbst einmal – wie Peter Parker – einer coolen Gruppe angehören, in die hineinzukommen gar nicht so einfach war?
Holland: Das klingt ganz nach mir in meiner Schulzeit. Als Kind habe ich Rugby gespielt. Dann sind plötzlich alle gewachsen und wurden richtig groß, während ich klein blieb. Ich habe weiterhin den Zugang zu dieser Rugby-Clique gesucht, aber es machte ja keinen Sinn. Ich kleiner Kerl hätte gegen diese Schränke immer verloren. Zu den Avengers gehören zu wollen, ist eine ganz ähnliche Geschichte. Aber die Avengers heißen Neulinge wesentlich freundlicher willkommen.
Immerhin sind Sie sehr sportlich, Sie haben getanzt und auf der Bühne »Billy Elliot« gespielt. War dieser physische Aspekt auch der Zugang zur »Spider-Man«-Rolle?
Holland: Ja, das könnte man so sagen. Der physische Aspekt ist in der Schauspielerei sehr wichtig, das ist vielen Menschen nicht bewusst. Wenn man in einen Charakter schlüpfen möchte, hängt viel davon ab, dessen Physis richtig zu erfassen. Meine Erfahrungen mit dem Tanz und dem Turnen haben sich in diesem Fall ausgezahlt. Sie haben mir ermöglicht, mich der Figur auf diesem körperlichen Level zu nähern. Meiner Meinung nach zählt Spider-Man zu den physisch aktivsten Charakteren des modernen Kinos. Und ich bin in der glücklichen Lage dazu, mich am Set für ihn zu strecken.
Haben Sie beim Dreh Verletzungen erlitten?
Holland: Nichts Ernsthaftes, ein paar Schrammen und blaue Flecken. Bis auf einen Vorfall vielleicht. Wenn man eine Kampfszene dreht, ist diese choreographiert wie ein Tanz. Sie beginnt mit dem Wort »Action!«. Ich habe einmal vergessen, mich an der vorgesehenen Stelle abzuducken. Der Stuntmen hat mir mit einem gepanzerten Handschuh eine über den Kopf gezogen. Das war echt heftig. Die Szene ist nicht einmal im Film. Ich wurde also ohne jeden Grund verdroschen. Immerhin ist es eine gute Geschichte. 
Sie stehen schon von Kindesbeinen an auf der Bühne. Hatten Sie trotzdem eine normale Kindheit?
Holland: Nein, wir von »Billy Elliot« hatten keine ganz normale Kindheit. Wir wohnten zu Zwanzig in einem eigenen Haus. Ich lebte also mit neunzehn Kids zusammen, die alle denselben Weg beschritten haben wie ich. Dabei bin ich sehr schnell erwachsen geworden. Ich kam an die Schule zurück, nachdem ich zwei Jahre lang mit Erwachsenen zusammengearbeitet hatte. Ich erinnere mich, dass ich gedacht habe: »Ihr Typen seid solche Kinder!« Aber ich habe mich sehr schnell wieder darauf eingestellt. Ich bin zur High School gegangen, habe mein Examen gemacht. Vielleicht war meine Kindheit ein wenig kürzer. Doch ich schätze mich glücklich, im Gegenzug die Welt bereisen und interessante Menschen treffen zu dürfen.
Sind Sie auf den großen Trubel vorbereitet, den die Rolle für Sie persönlich mit sich bringen könnte?
Holland: Ich glaube nicht, dass man sich auf so etwas vorbereiten kann. Ich bin sehr froh, eine so gute Freundin wie Zendaya zu haben. Sie ist sehr berühmt und wird auf der ganzen Welt gefeiert. Wann immer ich mir über etwas Sorgen mache, kann ich sie anrufen. Sie hilft mir immer, denn sie hat das alles schon selbst durchgemacht.